Zwischen den Welten

Zwischen den Welten

Der Frühlingstag war wunderschön und klar. Die rasch steigende Morgensonne sog die Kälte und Feuchtigkeit aus dem schlafenden, klammen Gras und ließ die Nebelschleier um die grün angehauchten Bäume fließen. Wie wiedergeborene Riesen in einem Silbermeer standen sie zwischen den toten, kalten Grabsteinen des Friedhofes. Ich ließ meinen Blick über das Szenario schweifen, das so wunderschön und himmlisch schien, dass es nicht mit meinen Gedanken zusammenkam und von mir auf eine grausige Art abprallte, die ich vorher nicht gekannt hatte. Friedhöfe schätzte ich immer als Orte der Erinnerung und der Besinnung, doch heute konnte ich nichts von der Friedlichkeit spüren, nur den Schmerz, der sich auf den Gesichtern der Menschen um mich herum widerspiegelte.

Als der Trauerredner die Grabrede hielt, konnte ich kaum zuhören. Die Andacht in der Kapelle, der Zug hierher zum noch offenen Grab, der Anblick der Urne tief unter mir. Ich dachte, ich müsste jeden Moment aus diesem Traum aufwachen, denn es schien mir so irreal, doch es ging immer weiter. Und ehe ich mich versah, standen wir wieder vor dem Friedhofstor und wieder gingen die gegenseitigen Beileidsbekundungen los. Meine Mutter und meine Großmutter lagen sich in den Armen, ebenso andere Verwandte und Bekannte, von denen mir viele fremd waren. Ich stand neben meinem Vater und sah zu ihm hoch. Er schien wie eine Säule der Ruhe, eine Ausstrahlung, die ich noch Jahre später an ihm schätzte.

Es war meine erste Beerdigung. Noch nie zuvor war ein von mir geliebter Mensch gestorben, vielleichte konnte ich deshalb auch nicht weinen. Viele machten meinen Eltern Vorwürfe, dass sie mich mitgenommen hatten, da ich offensichtlich noch zu jung war, für solch tragische Momente. Ich begriff, dass mein Großvater tot war. Dass er sehr krank war und sehr gelitten hatte, als er starb und ich schrie und heulte tief in meinem Inneren, doch drang nichts davon nach außen. Und das wiederrum begriff ich nicht.

Ebenso wie der Morgen, verstrich der Tag, ohne dass ich mich an Details erinnern konnte. Ich hörte den alten Geschichten zu, die stets auf Trauerfeiern erzählt wurden, von den guten alten Zeiten, von den Streichen, die man begangen hat und die alle zum Lachen brachten, doch nicht eine davon blieb mir im Gedächtnis. Es wurde wenig gegessen und viel getrunken und ehe ich mich versah, waren wir auch schon wieder zu Hause und ich stand im Badezimmer, um mich bettfertig zu machen.

Das schwarze Kleid, das extra zu diesem Anlass gekauft wurde, hatte ich bereits abgestreift, doch irgendwie war es, als würde noch immer ein Schleier um meinen Körper liegen. Ich stieg, wie jeden Abend auf meinen Tritt, um mich im Spiegel sehen zu können, doch dieses Mal hatte ich das Gefühl, jemand anderen zu sehen. Es war wie das Gesicht einer Porzellanpuppe, für die ich Modell gestanden hatte, eine jener Puppen, die zwar hübsch, aber trotz allem leblos und unheimlich wirkten. Ich versuchte zu weinen, mit aller Kraft, um dieses Gesicht aus dem Spiegel verschwinden und eine verzerrte, rote und geschwollen Grimasse erscheinen zu lassen, doch es ging nicht, ich blieb ein Porzellanpüppchen. Ich stieg von meinem Tritt herunter und wusch mich blind. Ich konnte meinen Anblick nicht ertragen. Als meine Mutter hereinkam, sah ich, dass sie wieder geweint hatte und ich verzog mich ohne ein Wort zu sagen. Ein Gefühl der Schuld und der Reue überkam mich, als ich in mein Bett stieg und mir die Decke über den Kopf zog. Ich war müde, verwirrt und tief in mir unsagbar traurig.

 

Ich fiel in einen tiefen, doch trotzdem unruhigen Schlaf. Ich sah Nebel, Schatten und Porzellangesichter, die immer wieder vor mir auftauchten und mich anstarrten mit ihren leeren Glasaugen. Doch plötzlich verschwanden sie und der Nebel lichtete sich. Ich hörte nichts und machte auch die Augen nicht auf, doch ich wusste, dass ich wach war. Ich lag in meinem Bett, ich spürte mein Kissen, meine Decke, aber vor allem spürte ich, dass noch jemand da war. Ich atmete flach und rührte keinen Muskel, auch nicht, als sich eine Hand auf meine Stirn legte. Sie war weder kalt noch warm, eher wie ein Hauch, doch deutlich spürbar. Doch anstatt aufgeregt oder ängstlich zu werden, blieb ich ganz ruhig. Die Berührung schien etwas tief in mir zu bewegen. Ich traute mich nicht, die Augen zu öffnen oder nach der Hand zu greifen, aus Angst, sie könnte einfach fort sein. Ich blieb einfach liegen und konzentrierte mich auf den Hauch. Ein Lächeln umspielte mein Gesicht, als es wie durch ein Flüstern durch meinen Körper ging, doch ich konnte es deutlich hören:

„Es wird alles gut werden. Lebe wohl, meine Kleine.“

Ich schlug im selben Moment meine Augen auf, als der Hauch von meiner Stirn verschwand. Aufrecht saß ich im Bett, zitternd und wild umherblickend.

„Opa?“

Doch das Zimmer war leer. Ich glaubte den Hauch noch immer zu spüren, obwohl er nicht mehr da war. Und ich fing an zu weinen, denn ich wusste, dass er für immer gegangen war, dass nichts ein Traum gewesen war. Auch nicht sein Abschied.

 

 

 

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